Gefühle-Stiefkind unserer Leistungsesellschaft
Haben sie schon mal über das Wort "Verhalten" nachgedacht?
Es ist ja eigentlich zusammengesetzt aus dem Tunwort "halten" und der Vorsilbe "ver".
Spätestens wenn man sich das mal durch den Kopf gehen lässt und in Beziehung mit unserem "inneren Ich" stellt, kommt eines zum Vorschein: Das einfache Wort "Verhalten" drückt das aus, wie wir mit uns selbst umgehen. Also wie Gefühle durch unseren Körper hinaus ins Leben wollen. Das passende lateinische Wort dazu nennt sich übrigens "Emotion", was sich von "emovere" ableitete und das bedeutet soviel wie "hinausschaffen" oder "hinausbewegen". Ist ja eigentlich genau das Gegenteil, nicht wahr? Daher hat es mir heute angetan, diesen Widerspruch "Ausleben" und "Verhalten" zu durchleuchten.
Wann sehen wir denn eigentlich wirklich jemanden, der seine freien, lebendigen Bewegungen zeigt? Der ungestüm und ausgelassen ist? Im Gegenteil: In der Kindheit werden wir bereits in Gehschulen verbannt und in der Jugendzeit auf auf die Stühle gesetzt. Brav haben wir doch alle trainiert, unseren Bewegungs- und Ausdrucksdrang zurückzuhalten. Also jubeln wir kaum mit dem ganzen Körper und der ganzen Stimme, wenn wir einen Erfolg verbuchen. Ja wir schämen uns davor zu zittern, wenn wir vor anderen eine Rede halten. Oder am Ende des Kinofilms zu weinen. "Mami du heulst doch nicht etwa, du bist echt peinlich" meinte sogar kürzlich meine Tochter zu mir als ich verheult aus aus einem Schnulzen-Kinofilm trat.
Furcht, Scham und Peinlichkeit prägen unsere öffentliches Verhalten - und damit unser Verhalten. Also unser verhaltenes Verhalten. Und das Unglaublichste daran ist: Dieses Verhalten kommt uns normal vor. Lebendiger Ausdruck erscheint uns dagegen abnormal.
Also auch wenn das Wort "Verhalten" sichtlich falsch in unserem gefühlsdusseligen Alltag positioniert ist, es ist wie es ist und es bleibt wie es bleibt: Gefühle wachsen erst mit einem entsprechenden körperlichen Ausdruck. Sonst sinds ja eben keine Gefühle mit lebendiger Bewegung, sondern eben nur ein Verhalten.
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